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Kempowski-Saga Teil 1: "Aus großer Zeit“

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Kempowski-Saga Teil 1: "Aus großer Zeit“

Kulturamt bringt Altonaer Theater mit eindrucksvollem Einblick in die deutsche Geschichte auf die Bühne

Walter Kempowski veröffentlichte zwischen 1971 und 1984 seine neunbändige Buchreihe "Deutsche Chronik", in der er den Niedergang des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert schildert. Das Altonaer Theater hat die deutsche Zeit- und Sozialgeschichte zwischen 1885 und 1960 in vier Theaterstücken aufgearbeitet, von denen die erste Episode "Aus großer Zeit" am vergangenen Samstag in der Aula des RSG präsentiert wurde.

Zweifellos großes Theater, wenn das neunköpfige Ensemble in wechselnden (einzelne bis zu zehn) Rollen rastlos über die zum Zuschauerraum hin abgesenkte Bühne wirbelt und die teilweise fiktive Familiengeschichte des wohlhabenden Rostocker Reeders Robert William Kempowski lebendig werden lässt. Verbindendes Element ist dabei die Rolle des Erzählers, Walter Kempowski, der allgegenwärtig die szenischen Entwicklungen in der Familie mit wohl gesetzten Worten erläutert. Eindrucksvoll, aus heutiger Sicht manchmal erschreckend, sind die Dialoge jener Zeit, in der "hanseatisch, kaufmännisch, sparsam und streng" erzogen wurde: ""Kann ich nicht" liegt auf dem Friedhof, "will ich nicht" gleich daneben". Aus heutiger Sicht nur schwer nachzuvollziehen, aber trefflich dargestellt wird die patriotische Begeisterung, mit der Sohn Karl Kempowski 17-jährig in den I. Weltkrieg zieht, da er unbedingt am "Größten Ringen aller Zeiten" teilnehmen will. Ernüchternd kommt die Zeit nach 1918 rüber, in der das junge Paar Kempowski auf ein vornehmes Leben verzichten und sich im Arbeiterviertel einmieten muss. Karl kommt dort als entlassender Kriegsleutnant in politisch gestrigen Hinterzimmern mit der Gedankenwelt des aufkommenden Nationalsozialismus in Kontakt. Deutschlands Verhängnis nimmt seinen Anfang. Das durchweg überzeugende Ensemble brachte drei Stunden spannenden Erzählfluss auf die Bühne und hinterließ ein beeindrucktes und zugleich nachdenkliches Publikum. Die gelungene Aufführung rechtfertigt eine Fortsetzung der Familiensaga. (hdp)

Ort
Veröffentlicht
11. November 2019, 18:44
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