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++ Tödliche Auffahrunfälle auf der Hansalinie Polizei warnt: Unaufmerksamkeit kann tödlich enden! (Fotos)++

(ots) - Rotenburg/A1. Die Hauptunfallursache bei den tödlichen LKW-Unfällen auf der A1 ist immer wieder: Auffahren auf den Vordermann. Dabei ist es weniger der unzureichende Sicherheitsabstand, sondern vielmehr die Unaufmerksamkeit der Fahrer, die zu den schrecklichen Unfällen führt.

Erster Polizeihauptkommissar Klaus-Dieter Kroll, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes der Autobahnpolizei in Sittensen, fragt sich, wie er die Auffahrunfälle mit oft schwersten Folgen verhindern kann. "Ein großes Problem ist", glaubt der Autobahnpolizist, "die Gleichförmigkeit des Jobs der Brummifahrer." Tag für Tag, Stunde um Stunde sitzen sie am Steuer ihres schweren Gefährts. Dabei umgeben sie sich mit immer mehr elektronischen Hilfsmitteln, aber auch Unterhaltungsgeräten, haben die Autobahnpolizisten festgestellt. In einer Sekunde bewegt sich ein LKW bei 80 km/h rund 22 Meter vorwärts. Drei Sekunden dauert das Einstellen eines Radiosenders - das sind 66 Meter, auf denen Blick des Truckers nicht der Straße gehört. Dazu kommen Reaktionszeit bis zum Tritt auf die Bremse und der Bremsweg. Zusammen ist das oft zuviel, der Crash ist dann nicht mehr zu verhindern.

  • Trommeln mit 80 km/h -

Zum Navigationsgerät und den üblichen Audiogeräten kommen inzwischen Flachbildschirme, Notebooks und Kaffeemaschinen hinzu. Mit Gardinen und bunten Wimpeln schränken die Fahrer die Sicht aus ihrer kleinen Welt weiter ein. Der Autobahnpolizei Baden-Württemberg hat zudem vor einigen Jahren während der Fahrt in die Führerhäuser der Trucker geschaut: Da wird in der Zeitung gelesen, gegessen, SMS geschrieben, Fernsehen geguckt, Fußnägel geschnitten und mit Schlagzeugstärken getrommelt - alles während der Fahrt bei mehr als 80 km/h. Und plötzlich steht der Verkehr vor einem.

Dann kommen die Autobahnpolizisten einmal mehr zu einem Führerhaus, das auf wenige Zentimeter zusammen geschoben ist. Zu einem Fahrer, der mit schwerem Gerät aus seinem Führerhaus befreit werden muss, wenn er denn noch lebt, was selten genug der Fall ist. Und dann ist noch ein Smart dazwischen, wie bei einem schweren Auffahrunfall auf der A1 nahe Stuckenborstel. Den erkannten die Polizisten erst, als sie den andersfarbigen Lack zwischen den demolierten Lastzügen entdeckten. Die Smart-Fahrerin überlebte nur mit Glück. Anders als ein zehnjähriges Mädchen, das vor Jahren im zusammen gequetschten Passat Kombi ihrer Eltern auf einer Urlaubsfahrt getötet wurde.

  • Achtung bei tief stehender Sonne -

Autobahnpolizist Kroll will sich damit nicht abfinden. Er sucht nach Gründen, wieso zu diesen Unfällen kommen konnte und sieht vor allem die Unaufmerksamkeit als Ursache. Dabei fiel dem Beamten auf, dass sich die schweren Auffahrunfälle mit LKW-Beteiligung besonders in Fahrtrichtung Bremen in den frühen Nachmittagsstunden ereignen, wenn tief stehendes Gegenlicht im Frühjahr die Fahrer blendet. "Dazu kommen die beginnende Ermüdung bei dem oft frühen Arbeitsbeginn der Trucker und der biologische Tiefpunkt nach der Mittagszeit", glaubt Kroll erkannt zu haben. In diesen Stunden verdoppeln sich die Unfallzahlen fast, so die Erkenntnisse der Statistiker der Rotenburger Polizei.

Die Unfälle eignen sich eher im gut ausgebauten Entspannungsbereich zwischen den Baustellen, nicht in den engen Abschnitten, wo die Fahrer physisch und psychisch angespannt sind. "Die gut ausgebaute Autobahn in diesen Abschnitten gibt ein Gefühl trügerischer Sicherheit", so Kroll. Die Geschwindigkeit regelt der Tempomat, Störungen und Staus werden in diesem Bereich nicht erwartet, die Gedanken sind bereits beim Feierabend, sind die Erkenntnisse der Polizei.

  • Unaufmerksamkeit kann zum Tod führen -

Kroll: "Plötzlich steht der Verkehr, die Augen waren vielleicht noch beim PKW-Verkehr auf den Überholfahrstreifen, der dort mehr Ausstellungsraum zur Verfügung hat und erst später bremst. Die lange Reihe der LKW kommt nicht selten früher zum Stehen." Da sich die Reaktionszeiten aufsummieren, bleibt nach hinten immer weniger Zeit zum Reagieren. Auffällig ist für die Autobahnpolizei, dass die Unfallopfer der tödlichen Unfälle oft gar nicht reagiert haben. Sie sind zum Teil ungebremst auf den Vordermann aufgefahren. "Da drängt sich der Gedanke auf, dass sie sich nicht auf den Verkehr konzentriert haben", merkt Klaus-Dieter Kroll an.

Was kann da helfen? Die Autobahnpolizisten haben bereits die Warnlichter der mobilen Stauwarnanlage, übrigens durchaus kein Standard bei Autobahnbaustellen, auf eine schnelle Blinkfrequenz schalten lassen. Die gelben Lichter blinken jetzt bei Staugefahr 40 Mal in der Minute, bei Stau sogar 60 Mal. Das soll die Blicke der Fahrer schnell auf die Stauwarntafeln lenken. Auf den Brücken warnen breite Banner die Fahrer mit den Bildern von tödlichen Unfällen und dem Hinweis "Abstand!". Da die Autofahrer in längeren Autobahnbaustellen mitunter auf das Warnblinklicht verzichten, will der private Autobahnbetreiber A1 Mobil in ausreichendem Abstand vor Tagesbaustellen zusätzlich mit mobilen Hinweistafeln warnen.

Technische Hilfe könnte auch ein Notbremssystem geben, das automatisch die Entfernung zum Vordermann erfasst und eine Vollbremsung einleitet, wenn eine irregulär schnelle Annäherung an das vorausfahrende Fahrzeug erfolgt. Rund 10 000 Euro kosten solche Assistenzsysteme, eine eher geringe Summe angesichts der Gesamtkosten eines Sattelzuges; noch weniger, wenn man die hohen Kosten nach einem schweren LKW-Unfall mit Personenschaden aufsummiert.

  • Polizei setzt auf Einsicht -

"Allein mit Kontrollen und Bußgeldern kommen wir nicht weiter", glaubt Klaus-Dieter Kroll. Er setzt darauf, bei den Brummifahrern ein Umdenken anzuregen. "Aufmerksam und vorausschauend Auto fahren!", fordert der Kommissar von den Truckern. Schließlich geht es um nicht weniger als das eigene Leben. Aber auch das Leben der anderen Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn. Erster Polizeihauptkommissar Kroll bittet die Fahrer um: Den Verzicht auf unnötige elektronische Ablenkungsgeräte, die Einhaltung ausreichender Fahrtpausen und Ruhezeiten zuhause, die Vermeidung fahrfremder Tätigkeiten sowie einen sofortigen Stopp, wenn Sekundenschlaf droht. Und um besondere Vorsicht auf der A 1 in Richtung Bremen, wenn hinter Sittensen wieder die Sonne tief in die Führerhäuser scheint.

Fotos in digitaler Pressemappe:

  • Bilder EPHK Klaus-Dieter Kroll - Tödlicher Auffahrunfall eines Tanklastzuges bei Bockel und weitere Unfälle - Völlig zerstörter Smart - 10-jähriges Mädchen stirbt bei Auffahrunfall - Blick ins Führerhaus: Navi, TV, Notebook und Gardinen - A1-Baustelle
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Veröffentlicht
22. März 2011, 16:55
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