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Wie es wohl aussieht, wenn Charles Bukowski die letzte Seite seines Romans „Das Liebesleben der Hyäne“ aus der Schreibmaschine zieht, um das Geschriebene noch einmal zu lesen und just die gerade verarbeitete Vergangenheit nonchalant auf ihren hohen Stiefeln ins Zimmer gelaufen kommt? Florian Kalff und Ella Anschein inszenieren mit ihrer szenischen Lesung „Der alte Mann und das Mädchen“ gemeinsam ein großes Stück Literaturgeschichte und erschaffen einen Abend, der die Frage stellt, wo Lesung und Theater anfangen und enden. Ella Anschein, 22, ist die derzeit erfolgreichste Poetry-Slamerin der Region Bonn / Rhein-Sieg. Sie gewann die NRW-Poetry-Slam-U20-Meisterschaft, gewann 2018 zahlreiche regionale wie überregionale Kleinkunstpreise und begeisterte die ausverkaufte Siegburger Studiobühne mit ihrem ersten Soloprogramm. Neben ihrer Slam-Karriere und einer Ausbildung zur Schauspielerin, tourt sie nun mit „Der alte Mann und das Mädchen“. Florian Kalff, 49, ist Pallottischüler und ein Veteran der deutschen Poetry-Slam-Szene. Seit 1999 gewann er die Slam-Stadtmeisterschaften u.a. in Duisburg, Bochum, Düsseldorf, Aachen, Bonn und Koblenz. Drei mal stand er im Finale der Deutschen Meisterschaften, schrieb viele Jahre für die monatliche Bonner Lesebühne „der Kleingeist“ und spielte bislang drei verschiedene Soloprogramme. Gemeinsam mit Ella Anschein gestaltet er mit „Der alte Mann und das Mädchen“ nun seine erste Inszenierung und betritt dabei erstmals die Bühne auch als Darsteller, was ihm „einigen Respekt abverlangt“. Charles Bukowski, 1920 in Andernach geboren, in Los Angeles aufgewachsen, floh als Kind vor seinen despotischen Eltern in die örtliche Bibliothek und las dort die Klassiker der Weltliteratur, besonders die Werke von Celine, Hemmingway, Fante und Burroughs faszinierten ihn. Eine extrem entstellende Akne belastete seine Jugendjahre. Frühe, vielversprechende schriftstellerische Versuche blieben trotz einer Veröffentlichung im New Yorker kommerziell erfolglos, da sein Schaffen vielfach als vulgär, verroht und pornographisch missinterpretiert wurde. Erst sein deutscher Übersetzer Carl Weissner verhalf Bukowski zum Durchbruch, zunächst in Europa und später auch in den USA, wo ihn die Beatgeneration feierte –und wiederum missverstand, als sie den versoffenen, einsamen Mann gegen seinen Willen zum ersten Popstar der Literatur machte. Lesungen hielt er nur widerwillig und unter der Bedingung, daß ein Kühlschrank voll Bier auf der Bühne neben seinem Tisch zu stehen hatte. Bukowskis Romane sind alle autobiographisch und behandeln sein Leben in den Abschnitten Kindheit („Das Schlimmste kommt noch: fast eine Jugend“), Adoleszenz („Faktotum“), junger Erwachsener („Postoffice“) und Literaturstar („Hollywood“). Nur sein letzter, auf dem Sterbebett komponierter, Roman „Pulp“ ist ein fiktionaler Ritt durch die Welt Bukowskis´ literarischer Vorbilder. „Das Liebesleben der Hyäne“ behandelt die Jahre 1971 bis 1977 als der literarische Erfolg Bukowski völlig unvermittelt trifft. Nach Jahren der Einsamkeit reißen sich plötzlich die Frauen um ihn und die Dinge nehmen einen rasanten Verlauf. Ella Anschein und Florian Kalff inszenieren den Roman als szenische Lesung mit karger Bühnenausstattung. Kalff liest als Bukowski aus dem Roman und wird von Anschein, die sechs verschiedene Frauen darstellt, immer wieder aus Rolle des Vorlesers in die des Darstellers geholt. Zur Premiere an der Siegburger Studiobühne reisten Bukowski-Jünger aus ganz Deutschland an und waren begeistert. „Die beste Inszenierung der letzten zehn Jahre!“, urteilte Poetry-Slamer Felix Kaden, der extra aus Erlangen gekommen war. Bukowski nun ausgerechnet im Pallotti auf die Bühne zu bringen mag frivol erscheinen, Florian Kalff aber beschwichtigt: „Bei aller Explizität, die der Stoff bei einem gebotenen Mindestmaß an Werktreue nun mal haben muss, so steuert das Finale ja auf eine geradezu katholische Katharsis zu.“ Karten gibt es für 9,-- bzw. 15,-- Euro in der Buchhandlung Kayser oder an der Abendkasse.
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