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" Die Vereine haben es nicht leicht"

TSV-Vorsitzender Dr. Paul Schrömbges zieht Bilanz

Kaldenkirchen. Dr. Paul Schrömbges, beruflich Erster Beigeordneter der Stadt Viersen und zugleich langjähriger Ratsherr in Willich, gibt nach acht Jahren den Vorsitz des TSV Kaldenkirchen ab. Unter seinem Vorsitz hat der TSV die Jahnkampfbahn sanieren und die Vereinsfinanzen stabilisieren können. GN-Mitarbeiter Heinz-Willi Schmitz sprach mit dem TSV-Vorsitzenden.

Warum geben Sie das Amt des Vorsitzenden auf?

Vereinsvorsitzende tragen eine große Verantwortung, in der rechtlichen Vertretung des Vereins nach außen und in der Sicherung des Zusammenhalts nach innen, übrigens mit persönlichem vermögensrechtlichen Risiko. Vieles kann man von Hause aus und in konzentrierten Sitzungen erledigen. Beim TSV stehen zwei Dinge an: die weitere Sanierung der Jahnkampfbahn und die Aktualisierung des Sportangebotes. Das wird deutlich mehr Präsenz verlangen. Das kann ich zeitlich nicht mehr leisten.

Ist ein Verein überhaupt noch ehrenamtlich zu führen?

Die weiterhin stark zunehmende Bürokratisierung und Verrechtlichung des gesamten Sportumfeldes stellt die Vereine vor schwer lösbare Probleme. Die Vorstände tagen eher als Aufsichtsräte, der geschäftsführende Vorstand muss aus beruflich hochkompetenten Mitgliedern bestehen. Größere Vereine werden auf Sicht ohne hauptamtliche Geschäftsführung nicht auskommen.

Die größten Sportvereine sind die Profi-Vereine der Bundesligen. Wie sehen Sie die Konkurrenz?

Die Vereine mit Profi-Abteilungen sind keine Vereine im herkömmlichen Sinn. Sie nutzen das Vereinsmodell zur Ausweitung ihrer Corporate Identity, ideell und materiell. Im Kern sind die Profi-Clubs kommerzielle Unternehmen, die dem wirtschaftlichen Vorteil der angestellten Funktionäre und Spieler dienen. Der Sport ist ihr Geschäftsmodell. Vereine mit Amateurfußball haben andere Ziele: hier geht es um den Sport selbst und um das Miteinander. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Welten.

Der Profi-Fußball erzielt immer höhere Umsätze. Der Vereinssport kriselt vor sich hin. Wie geht es weiter?

Der kommerzielle Sport will Kunden, keine Sportler. Wer vor dem Fernsehen oder im Stadion sitzt, betreut keine Kinder- und Jugendmannschaften und spielt nicht selbst bei den Senioren oder den Alten Herren. Der Amateurfußball wird trocken gelegt. Eine bedenkliche Entwicklung. Ich sehe nicht, dass der DFB etwas gegen diesen Trend unternimmt.

Hat sich das gesellschaftliche Umfeld der Vereinsidee in den letzten Jahrzehnten verändert?

Im Kern steht vielfach der Vereins-Gedanke zur Disposition. Man traf sich, um miteinander Sport zu treiben. Heute stehen die Vereine in Konkurrenz zu den vielen individuellen und kommerziellen Sportangeboten. Ein Verein ist ein ehrenamtlich organisiertes Angebot für Mitglieder. Soziales Miteinander ist neben dem Sport sein Kern. Die Vereine werden aber auch von anderen gesellschaftlichen Zielen in Anspruch genommen: Integration, Jugendhilfe, Gesundheit und noch mehr. Die Ausweitung der Ganztagsbetreuung im Elementar- und Schulbereich gefährdet die Nachwuchsarbeit der Vereine. Ich gehe davon aus, dass die Vereine in dieser Konkurrenzsituation nur mit der Bewahrung ihres Markenkerns überleben können: miteinander Sport zu treiben.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den kommunalen Verwaltungen und den politischen Gremien?

Man kann bisweilen den Eindruck gewinnen, dass Verantwortliche in Politik und Verwaltungen den Vereinssport als ‚gegeben' voraussetzen. In Sonntagsreden gibt es viel Unterstützung, im Alltag ist das schon mal ganz anders. Davon können die Vereine als Veranstalter im Brauchtum, als Betreiber von Sportstätten, als Mitnutzer von kommunalen Sportstätten ein Lied singen. Oft genug werden sie sogar als willkommene zusätzliche Gebühren- und Steuerzahler zum kommunalen Haushaltsausgleich betrachtet. Die Situation des Vereinssports ist deutlich kritischer als dies vielfach wahrgenommen wird.

Wie sehen Sie die Zukunft des TSV Kaldenkirchen?

Ich bin seit fast 50 Jahren Mitglied des Vereins. In Kaldenkirchen gibt es in allen Abteilungen hoch engagierte Übungsleiter, die die Abteilungen zusammenhalten und guten Sport anbieten. Natürlich gibt es ab und zu Knatsch - aber der Zusammenhalt ist gut und menschlich anrührend. Einfach tolle Kamerad/innen. Der TSV hat auch einen gut und professionell arbeitenden Vorstand. Nun muss es an die Aktualisierung des Sportangebotes mit Blick auf die demografische Entwicklung gehen. Ich bin mir sicher, dass das gelingen wird. Die Idee stimmt, die Wege stimmen, die richtigen Menschen im Stadtteil Kaldenkirchen halten zusammen. Mein Herz wird auch in Zukunft blau und weiß schlagen - und das ‚hoch Kaldenkirchen' mitsingen.

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Veröffentlicht
22. Mai 2015, 00:00
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