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Rede des Bürgermeisters Michael Kronauge anlässlich des Volkstrauertages am 17.11.2019 am Ehrenmal in Hallenberg Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie alle heute hier anlässlich des Volkstrauertages zur Gefallenenehrung am Ehrenmal. Ganz besonders begrüße ich die Abordnung unserer Patenschaftskompanie aus Frankenberg unter der Leitung von Kompaniechef Michal Stakowski und dem Spieß, Oberstabsfeldwebel Jan Weber. Für mich ist es heute eine besondere Rede, meine letzte Rede als Bürgermeister hier am Ehrenmal. Beim nächsten Volkstrauertag am 15.11.2020 wird mein Nachfolger hier stehen. Insgesamt 26. Mal habe ich hier gesprochen. Am 13. November 1994 - 3 Tage nach meiner Wahl hatte ich hier meine allererste Rede als Bürgermeister zu halten. Seitdem hat sich vieles verändert. Ich war damals natürlich sehr nervös und viel aufgeregter als ich das heute bin. Meine Rede habe ich damals noch mit der Hand geschrieben und mit der Schreibmaschine abgetippt. Einen Computer hatte ich noch nicht, das Internet gab es noch nicht. Hier oben stand noch der Hallenberger Männerchor der mit einem Choral die Gedenkfeier eröffnete. Den Chor gibt es nicht mehr - Nachwuchsmangel. Der Kranz wurde von Wehrpflichtigen getragen und eine große Gruppe aktiver Soldaten - Rekruten und Zeitsoldaten aus Hallenberg - waren dabei. Die Wehrpflicht gibt es nicht mehr und wir haben derzeit keine Hallenberger Soldaten die den Kranz tragen können. Die Gruppe des Kameradschafts- und Reservistenvereins war sehr groß. Für uns war es damals nach der Bundeswehrzeit eine Selbstverständlichkeit in den "Kriegerverein" einzutreten. Heute ist der Verein zahlenmäßig geschrumpft. Keine Wehrpflicht, keine neuen Mitglieder. Damals waren noch viele Kriegsteilnehmer dabei. Ich habe von hier oben oft Tränen gesehen wenn das Lied "Ich hatte einen Kameraden" gespielt wurde. Der Zug zum Ehrenmal war damals wesentlich länger. Die Abordnungen der Vereine waren größer. Vieles hat sich verändert. Seit meiner ersten Rede als Bürgermeister sind 25 Jahre vergangen. Seit dem Ende des letzten Krieges 74 Jahre. Wir leben seitdem in der längsten Friedensperiode der deutschen Geschichte. Meine Generation, ist die erste Generation, die in ihrem Leben niemals einen Krieg erlebt hat. Brauchen wir dann überhaupt noch einen Volkstrauertag? Sollten wir die offiziellen Gedenkstunden nicht einfach abschaffen und uns diese Stunde Marsch und die Rede sparen. Wir kennen die Toten doch gar nicht mehr. Um was oder wen und vor allem warum sollen wir denn da noch trauern? Ist der Volkstrauertag nicht etwas Altmodisches, Verstaubtes und Vergangenes, ein Relikt des letzten Jahrhunderts, das heute keinen Platz mehr hat? Ich glaube nicht. Hier auf dem Stein hinter uns stehen die Namen von vielen jungen Hallenbergern die im ersten und zweiten Weltkrieg gefallen sind. Junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten. Ohne den Krieg würden sie vielleicht noch leben. Sie hätten geheiratet, Kinder bekommen, wären heute Großväter. Sie hätten die letzten 74 Schützenfeste mitfeiern können und das Leben in unserer Stadt in vielfacher Weise bereichert. Hier unten vom damaligen Bahnhof fuhr ihr Zug ab. Vielleicht waren sie vorher noch kurz hier am Ehrenmal um ihrer toten Verwandten aus dem ersten Weltkrieg zu gedenken, deren Namen damals schon hier auf der Tafel standen. Das Ehrenmal sah damals noch etwas anders aus. Hier auf dem Steinsockel, auf dem wir gleich den Kranz ablegen lag damals die lebensgroße Figur eines toten Soldaten. Sie war aus Metall und im 2. Weltkrieg wurde sie abgebaut und eingeschmolzen. Das Metall wurde für Kanonen gebraucht. Nach Kriegsende wurde eine weitere Tafel angebracht und 118 Namen eingraviert. Ich möchte heute nochmal an einige von Ihnen erinnern. Hier stehen die Namen von Josef Ante- (Dipplers - der Opa von Markus u. Andreas Ante, Alois, Norbert, Ulli Paffe und Beate Schöttler.) Sie haben ihren Opa nie kennengelernt, denn auf der Fahrt in den Osten wurde er am 20.1.1945 vermisst. Seine Frau Therese hat mir noch zu ihrem 85 Geburtstag gesagt: Ich wüßte so gerne wo sein Grab liegt. Michael Müller Er hatte Polsterer gelernt und wollte das elterliche Geschäft - Gardinen Blüggel- übernehmen. Am Tag nachdem sein Bruder Werner in unserer Pfarrkirche seine Primiz feierte erhielt die Familie die Nachricht dass Michael gefallen ist. Otto Müller (Onkel von Stefan Müller, Bernhardschneiders) Im Januar 1942 erschien in einer Berliner Illustrierten ein Bild, wie er mit zwei Kameraden in einer Schneehöhle vor Moskau Weihnachten feierte. Dies war sein letztes Lebenszeichen. Seit Februar 1942 wird er vermisst. Otto und Alois Pauli (Onkel von Kaisers Franz und von Christel Reder) Alois fiel 1943 bei den schweren Kämpfen am Donezs. Sein Bruder Otto wurde am 26.7.45 in russischer Gefangenschaft von einem Wachmann erschossen. Der Hallenberger Bernhard Winter war Augenzeuge. Ferdinand Pauly (der Vater von Altenjungens Jupp und Opa von Jeanette, Frank und Olaf Pauly) Er starb an den Folgen einer schweren Verwundung die er sich am 6.1.44 bei den Kämpfen um Witebsk zugezogen hatte im Lazarett Bad Schwalbach. Er wurde nach Hallenberg überführt und wurde am gleichen Tag mit seinem Vater beerdigt. Josef Schäfers (Sibbers). (Ein Onkel von Wendelin und Josef Schäfer) Er war Landwirt. Am 7.2.1946 ist er in Gefangenschaft verhungert. Friedrich Schnorbus (Santünjes) (Ein Onkel von Bernhard und Alois Schnorbus) Er wurde in Russland schwer verwundet und starb zwei Tage später im Feldlazarett Riabowo. Er war gerade 20 Jahre alt geworden. Albert Winter (Onkel von Gerhard, Albert und Berthold Winter) Er arbeitete in der Wollspinnerei Dickel und sollte die elterliche Landwirtschaft übernehmen. Am 27.3.43 fiel er in der Nähe von Charkow. Vier Wochen später wäre er 21 Jahre alte geworden. Hermann, Valentin und Josef Alberti (Kranefridders) Ernst Alberti, den wir alle kennen, verlor 3 seiner Brüder. Ihre Gräber liegen irgendwo in Russland, Polen und Litauen. Keiner wurde älter als 23 Jahre. Theodor Alberti. Er war Berufsjäger und Vater von 2 kleinen Kindern. Er fiel im Alter von 32 Jahre in der Normandie. Sein Sohn Alfons Alberti lebt heute noch am Heideweg. Eduard Schöttler, dem Inhaber der Firma Foto Schöttler, befand sich auf einem Transportschiff, das nach einem Torpedoangriff sank. Zusammen mit 500 Kameraden ertrank er in der eisigen Nordsee. Andreas und Franz Womelsdorf. Andreas fiel am 16.2.1944 im Alter von 24 Jahren in Russland. Sein Bruder Franz war Zimmermann, verheiratet und Vater einer kleinen Kindes Tochter. Seit Mai 1944 wird er nach einem Luftangriff in Italien vermisst. Seine Tochter Edelgard ist auch heute wieder hier am Ehrenmal dabei. Hedwig Nörmerich, geborene Dielenhein. Am 30.01.1945 wurde sie im Alter von 35 Jahren durch einen Fliegerangriff auf der Aue in Hallenberg getötet. Grete Schäfer. Sie lang in ihrem Bettchen im Haus in der Merklinghauser Straße (heute Salon Lockn Roll). Bei einem Luftangriff auf Hallenberg schoss ein Tiefflieger eine Geschosssalve durch das Schlafzimmerfenster. Sie wurde von 3 Schüssen getroffen. Grete Schäfer war 8 Jahre alt. 18 Namen. 18 von 118 Hallenberger Schicksalen, 18 von 55 Millionen. Sollen wir sie wirklich vergessen. Sollen wir sie einfach abhaken? Wir alle sehen jeden Abend in den Nachrichten Meldungen über Kriege, Katastrophen und Tote. Wir nehmen die Bilder zur Kenntnis, schütteln den Kopf, denken wie schlimm es doch auf der Welt ist - und lassen uns das Abendbrot schmecken. Damals haben sich diese Tragödien hier vor unserer Haustür abgespielt. Ich finde es wichtig, dass wir unseren Kindern und Enkeln davon erzählen. Ihnen näher bringen was Menschen Menschen in den beiden Weltkriegen angetan haben und das was Menschen Menschen auch heute noch antun. Hier am Ehrenmal hat dieses Leid Namen. Ich hoffe, daß die Stadt auch in Zukunft diesen Marsch zum Kriegerdenkmal aufrechterhält und dass mein Nachfolger hier künftig die Rede hält. Ich hoffe, dass der Kameradschafts- und Reservistenverein weiterhin jährlich diese Feier organisiert. Ich hoffe, daß die Stadtkapelle Concordia Hallenberg diese Veranstaltung weiterhin feierlich begleitet und ihr den würdigen Rahmen gibt. Und ich hoffe, daß Ihr, das alle Vereine weiterhin mitgeht. Eine Stunde,. eine einzige Stunde im Jahr sollten wir für unsere gefallenen Mitbürger übrig haben. Der Volkstrauertag unserer Zeit ist kein Heldengedenktag, denn nicht Kriegshelden stehen im Mittelpunkt, sondern die Kriegsopfer, die Opfer von Gewalt und Terror - und das sind neben den Soldaten, auch Männer, Frauen und Kinder, Zwangsarbeiter, Verfolgte und Vertriebene und in den Gefangenenlagern und KZs verstorbene Menschen. Deshalb gelten die Erinnerung, das Gedenken und die Trauer an diesem Tag allen Opfern von Krieg und Gewalt. Heute wollen wir besonders der Soldaten unserer Bundeswehr gedenken, die in den Auslandseinsätzen gefallen sind. Ihnen zu Ehren wollen wir nun im Namen der Stadt Hallenberg und im Namen des Kameradschafts- und Reservistenvereins Hallenberg gemeinsam mit der Bundeswehr einen Kranz niederlegen. Der Kameradschafts- und Reservistenverein hat am Ehrenmal den defekten und brüchigen Bodenbelag entfernt und durch neues Betonsteinpflaster ersetzt. Die Kosten übernahm der Kameradschafts- und Reservistenverein. Danke an den Vorsitzenden Herbert Pippel, an Ortsvorsteher Leonard Schäfer, Helmut Mettken und Matthias Lefarth für den Einsatz und die ehrenamtliche Arbeit, sie haben zusammen mit Dietmar Weber vom städtischen Bauhof das Ehrenmal wieder einen guten und gedenkwürdigen Zustand versetzt.
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