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Zweifel säen

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Lit.Eifel-Veranstaltung "Annes Kampf" am Gymnasium Am Turmhof - Marianne Blum und Guido Rohm stellten Anne Franks Tagebuch und Adolf Hitlers "Mein Kampf" in einer scharf geschnittenen Lesung gegenüber

Mechernich - Wenn Anne Frank und Adolf Hitler heute aufeinandertreffen würden, was könnten wir daraus lernen? Dieser Idee widmete sich die Lit.Eifel-Veranstaltung "Annes Kampf" im Mechernicher Gymnasium Am Turmhof. Marianne Blum und Guido Rohm ließen in nüchterner Szenerie einzelne Passagen aus Anne Franks Tagebuch und Adolf Hitlers "Mein Kampf" aufeinanderprallen. Gerade diese Gegenüberstellung machte das Thema besonders eindringlich: "Interessant war es, die Parallelen zu sehen zwischen dem, was Adolf Hitler sagt und den Auswirkungen, die seine Worte auf das Leben von Menschen wie Anne Frank hatten", fasste Jonas Röder, Schüler am Mechernicher Gymnasium, zusammen.

Anlass für die Entstehung des Stückes waren ganz aktuelle Entwicklungen. Nach dem Auslauf der Urheberrechte an Hitlers "Mein Kampf" wurde Anfang 2016 eine kommentierte Neuauflage des Buches herausgegeben, die es in kürzester Zeit auf die Spiegel-Bestsellerliste in der Kategorie "Sachbuch" schaffte. "Das zeigt die Faszination der Deutschen für Hitler, und da war uns schnell klar: Dem Buch müssen wir etwas gegenüberstellen", erklärt Guido Rohm und fügt hinzu: "Und das funktionierte erschreckend gut."

Unkommentiert wirken in der konzentrierten Veranstaltung die Sichtweisen Adolf Hitlers mit den im Tagebuch festgehaltenen Lebenswirklichkeiten von Anne Frank aufeinander. Während Hitler beispielsweise gegen die angebliche Unsauberkeit der Juden hetzt, denen man "mit geschlossenen Augen" ansehen könne, dass sie keine Wasserliebhaber seien, beschreibt Anne Frank in ihrem Tagebuch die ganz unterschiedlichen Vorlieben ihrer Familienmitglieder am Waschtag, der allen Widrigkeiten zum Trotz natürlich auch in ihrem Versteck eingehalten wurde. "Dieser Bruch ist wichtig, denn heute ist Unsagbares wieder sagbar geworden. Wer heute der AfD zuhört, hört die gleichen Worte, die früher Adolf Hitler gesagt hat", so Guido Rohm.

Guido Rohm und Marianne Blum stellten auf der Bühne nicht nur die geschriebenen Passagen, sondern auch die jeweilige Gefühlslage der Protagonisten dar. Guido Rohm lässt Hitlers Worte in dessen typischem Sprachduktus auf die Zuhörer niederprasseln, während Marianne Blum mit mädchenhafter Stimme ruhig und authentisch in Anne Franks Leben eintauchen lässt. Dabei stehe Anne Frank als Protagonistin des Stückes stellvertretend für alle diejenigen, die rassistisch verfolgt wurden - oder werden, so Marianne Blum. Berührend erscheint so auch die Passage, in der Anne Frank von ihrem ersten Kuss und der Geborgenheit in den Armen ihres ersten Freundes schwärmt, bis dieser in einem harten Bruch Hitlers Judenbild gegenübergestellt wird, in dem jüdische Männer mit einem satanistischen Lächeln daherkämen und Frauen und Mädchen planmäßig verdürben.

Um das Thema zeithistorisch einzuordnen, interpretierte Marianne Blum verschiedene Lieder aus dieser Zeit. Darunter jiddische Musik, aber auch berühmte Lieder von Zarah Leander wie "Davon geht die Welt nicht unter" oder "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh"n". In der an das Stück anschließenden Diskussion ging Marianne Blum auf den Hintergrund dieser Lieder ein: Diese waren zum einen vom Nazi-Regime geschätzte Durchhaltepropaganda, zum anderen aber von dem Komponisten Bruno Balz geschrieben, der zuvor die Foltermethoden der Gestapo selbst kennengelernt hatte.

Während der eigentlichen Aufführung ließen die beiden Darsteller ihre Texte bewusst unkommentiert. "Wir überlassen es den Zuschauern selbst, ihre Schlüsse daraus zu ziehen", sagt Guido Rohm und Marianne Blum ergänzt: "Auf die Vernunft und Erkenntnisfähigkeit unseres Publikums zu vertrauen, hat sich bisher immer ausgezahlt." So fasst etwa der Schüler Marcel Zahn nach der Vorstellung zusammen: "Ich fand die Idee gut, Anne Frank und Adolf Hitler so gegenüberzustellen. Mir ist auch nochmal deutlicher geworden, wie es den Juden in dieser Zeit erging."

Vornehmlich Schüler hatten an der Vormittags-Veranstaltung der Lit.Eifel in der fast vollbesetzten Aula des Gymnasiums Am Turmhof teilgenommen. "Für die Schüler ist es eine Pflichtveranstaltung, das hat für uns den Vorteil, dass wir alle erreichen können", erklärt Marianne Blum und fügt hinzu: "Das ist die nächste Generation, um die müssen wir uns kümmern. Wenn es uns da gelingt, Zweifel zu säen, ob Rassismus wirklich eine so gute Idee ist, dann haben wir schon sehr viel erreicht."

pp/Agentur ProfiPress

Ort
Veröffentlicht
18. Oktober 2019, 08:22
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