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Freie Sicht auf Bleibuir

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Freie Sicht auf Bleibuir

Liesel Bartsch (76) geht seit frühester Kindheit regelmäßig zum Schleidwegkreuz - Ein Beitrag aus dem Sonderheft "50 Jahre Kommunale Neugliederung" und "Zehn Jahre neues Rathaus" - Bergwerks- und Judendorf

Mechernich-Bleibuir - Das Schleidweg-Kreuz im Bleibuirer Feld ist seit frühester Kindheit der Lieblingsplatz von Liesel Bartsch (76). Dort hat sie mit dem Cruzifix im Rücken freie Aussicht auf ihr Heimatdorf plus Glehn, Hostel und Bergbuir und zuweilen in die Ebene bis zum Kölner Dom. Mit Blickrichtung aufs Kreuz ändert sich die Perspektive, die Feldflur "Hoof" mit blühenden Rapsfeldern und der Waldrand des Kermeter kommen in Sicht.

Dass der "Herzogs-Bösch" heutzutage Teil des Nationalparks ist, flößt der gebürtigen Bleibuirerin, die im Fachwerkhaus am Schleidweg mit ihrem Bruder Willi aufwuchs, weniger Respekt ein, als die Magie des Ortes. "Am Schleidwegs-Kreuz verbinden sich Natur und Religion", so die 76-jährige Mutter dreier Söhne.

Einst überdachte eine mächtige alte Kastanie das Wegekreuz. "Der Platz war Treffpunkt für uns Kinder aus dem Oberdorf", so Liesel Bartsch: "Ganz besonders zur Kastanienzeit. Die sammelten wir eimerweise." In der Jagdhütte und am Caritas- und späteren Kolpingheim in der Nachbarschaft war immer was los.

Elisabeth Stens, so ihr Mädchenname, ist in Bleibuir bestens bekannt. Sie engagierte sich zeitlebens in Vereinen und in der Kirche, vor allem als Chefin des Frauen- und Müttervereins. Der Glaube ist ihr ebenso wichtig wie die Naturverbundenheit. Beides verkörpert das Schleidwegskreuz, an dem heute zwei junge Linden stehen, seit der Blitz die alte Kastanie gefällt hat.

893 erstmals erwähnt

Ein Bild von dort zierte vor Jahren den Sterbezettel ihres Mannes Fritz: "Wenn ich Kondolenzpost verschicke, tue ich das meistens auch in Verbindung mit einem Foto vom Schleidwegkreuz."

Im Dörfer-Trio Bleibuir, Bescheid und Wielspütz, die immer in einem Atemzug genannt werden, gefallen ihr viele Stellen, aber keine zieht sie so magisch an wie diese. Früher ging dort die Pestprozession zu Ehren der Heiligen Rochus und Sebastian vorbei. Vermutlich gehörte das Kreuz auch zu den "Sieben Fußbällen", die von sieben Jungfrauen im Gebet aufgesucht wurden, wenn jemand im Sterben lag.

Bleibuir wurde 893 erstmals als "Bure" im Prümer Urbar urkundlich erwähnt. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Herrschaft Schleiden im Mittelalter wurde es auch Schleidenbuere genannt, bis es wegen seines Bleibergbaus dann im Grenzbegang von 1512 Schleidenbuere nune Bleybuer bezeichnet wurde.

m Liber valoris wird ein pastor Burinus erwähnt. Im Volksmund heißt der Ort weiterhin nur "Bür". Bis 1969 war Bleibuir eine selbstständige Gemeinde. Die Pfarrkirche St. Agnes, 1873 bis 1898 (Turm) nach Plänen von Vinzenz Statz wurde nach dem Abriss der Vorgängerkirche erbaut. Sie ist Mittelpunkt der umliegenden Dörfer.

An der Römerstraße Trier-Köln

Die ehemalige Schule ist umgebaut zu einem Dorfgemeinschaftshaus. Als Besonderheit gibt es einen ehemaligen jüdischen Friedhof. 1860 hatte der Ort 48 (14,5%) jüdische Einwohner.

Seit frühester Zeit wurde in Bleibuir Bleierz abgebaut. Hiervon zeugt das Bleibergwerk "Gute Hoffnung" und viele Abraumhalden. Der Abbau ist bereits für die Römer belegt, geht aber vermutlich schon auf die Kelten zurück. In der Nähe führte die Römerstraße Trier-Köln an der Ravenley unmittelbar über den Bleiberg. Am 1. Juli 1969 wurde Bleibuir nach Mechernich eingemeindet.

Andreas Simon, der "Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Bleibuir" listete 1866 für die Königliche Regierung die Namen der Bleibuirer jüdischen Glaubens auf. Es waren dies:

  1. SIMON, Andreas, Vorsteher
  1. SIMON, Fanny, Ehefrau
  1. SIMON, Sibilla, Tochter
  1. SIMON, Alexander, Sohn
  1. SIMON, Laura, Tochter
  1. SIMON, Markus, Sohn (unter 14 Jahre)
  1. SIMON, Lena, Tochter (unter 14 Jahre)
  1. SIMON, Regina, Tochter (unter 14 Jahre)
  1. SIMON, Augusta,. Tochter (unter 14 Jahre)
  1. KATZ, Gabriel, Handelsmann
  1. KATZ, Adelheid, geb. Wolff, Ehefrau
  1. KATZ, Markus, Sohn
  1. KATZ, Karl, Sohn
  1. KATZ, Amalia, Tochter
  1. HEUMANN, Andreas, Handelsmann
  1. HEUMANN, Abraham, Sohn
  1. HEUMANN, Julie, Tochter
  1. HEUMANN, Sara, Tochter
  1. HEUMANN, Hermann, Sohn
  1. HEUMANN, Jakob, Sohn (unter 14 Jahre)
  1. HEUMANN, Jutha (?), Tochter (unter 14 Jahre)
  1. MAYER, Samuel, Handelsmann
  1. MAYER, Sara geb. Simon, Ehefrau
  1. MAYER, Daniel, Sohn
  1. MAYER, Simon, Sohn
  1. MAYER, Jakob, Sohn (unter 14 Jahre)
  1. LEVY, Jeannette, Schwiegermutter
  1. SIMON, Philipp, Schwager
  1. FROHWEIN, Andrea geb. Julie Mendel
  1. FROHWEIN, Minna (?), Tochter
  1. FROHWEIN, Lena, Tochter
  1. FROHWEIN, Salomon, Sohn
  1. SIMON, Abraham, ohne bes. Geschäft
  1. FROHWEIN, Zoppal (?) geb. Adolf Wolf
  1. FROHWEIN, Lena, Tochter
  1. FROHWEIN, Amalie, Tochter
  1. FROHWEIN, Meyer, Handelsmann
  1. FROHWEIN, Sibilla, geb. Chan, Ehefrau
  1. FROHWEIN, Nathan, Sohn
  1. FROHWEIN, Leopold, Sohn
  1. FROHWEIN, Karl, Sohn
  1. FROHWEIN, Levy, Glaser
  1. FROHWEIN, Julia, Schwester
  1. FRANK, Gabriel, Glasergeselle
  1. SCHWARZ, Joseph, Lehrling
  1. VOSS, Mochard (?), Handelsmann
  1. VOSS, Lina, geb. Mendel, Ehefrau
  1. VOSS, Caroline, Tochter (unter 14 Jahre)

Der Regionalhistoriker und "Judaica"-Verfasser Heinz-Dieter Arntz schreibt: "Wenn man bedenkt, dass im Jahre 1866 das Eifeldörfchen Bleibuir etwa 330 Einwohner hatte, von denen 48 "Israeliten" (14,5%) waren, dann versteht man, warum in der Umgebung jahrzehntelang von dem so genannten "Judendorf" gesprochen wurde. Nachdem in der Bleigrube "Gute Hoffnung" der Ertrag allmählich zurückgegangen und andere Orte diesbezüglich interessanter geworden waren, zogen die jüdischen Händler in die größeren Ortschaften - oft nach Mechernich.

Im Jahre 1885 zählten nur 16 Israeliten zu den 360 Einwohnern. Um die Jahrhundertwende gab es keinen Juden mehr dort. Im Jahre 1892 hatte nämlich die Gesellschaft Neu-Schunk-Olligschläger den gesamten Betrieb eingestellt. Heute erinnert sich keiner mehr an die kleine jüdische Gemeinde von Bleibuir, deren Ahnherr wohl Nathan Jacob war, der 1728 über Ripsdorf nach Bleibuir verzog, da er nirgendwo einen Geleitbrief erhielt, als Händler umherziehen zu dürfen. Zwischen dem Eifelörtchen und Wielspütz erinnert ein kleiner Friedhof mit noch vier Grabsteinen an die jüdische Existenz im vorvergangenen Jahrhundert."

pp/Agentur ProfiPress

Ort
Veröffentlicht
01. November 2019, 05:27
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