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BUNDESPRÄSIDENT GAUCK: Seine Rede in Travemünde am 21. Mai 2015

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Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps

am 21. Mai 2015

Wir sind heute ausgeflogen in den Norden Deutschlands, nach Schleswig-Holstein, dem Land zwischen den Meeren. Schleswig-Holstein verbindet: zum Beispiel die Nordsee mit der Ostsee, und zwar durch den Nord-Ostsee-Kanal, die meistbefahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Schleswig-Holstein ist Treffpunkt und Drehschreibe für den ganzen Ostseeraum. Die Stadt Lübeck war Zentrum der Hanse, eines Handelsbündnisses, dem zu seiner Glanzzeit vom 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts nahezu 200 Städte angehörten. Der Geist des Zusammenhalts wird seit 1980 alljährlich auf dem "Internationalen Hansetag der Neuzeit" gefeiert. Im vergangenen Jahr hatte ich die Freude und die Ehre, vor dem Lübecker Holstentor an der Eröffnungsfeier dieser großartigen Begegnungstage teilzunehmen. Weltoffenheit hat in dieser Gegend also Tradition.

Hier im schönen Travemünde trafen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weit gereiste Gäste. Bekannte Dichter, Komponisten und Maler schätzten die Sommerfrische: Fjodor Dostojewski, Richard Wagner und Edvard Munch – um nur einige zu nennen. Das Seebad avancierte zum kosmopolitischen Ort der Begegnung. Das lässt sich nirgends besser ablesen als an der Geschichte dieses Hotels, in dem wir jetzt beisammen sind. Ein sogenanntes "Conversationshaus" schwebte der Lübecker Bürgerschaft ursprünglich vor. 1914 wurde der Bau dann allerdings unter dem Namen "Kursaal" eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog ein Casino ein. In der sogenannten "goldenen Ära" kamen selbst Hollywoodstars zum Glücksspiel an die Ostsee.

Ja, die Ostsee! Thomas Mann hat sie liebevoll das Meer seiner Kindheit genannt. Im Ferienparadies Travemünde habe er die "unzweifelhaft glücklichsten Tage" seines Lebens verbracht, schwärmte der Schriftsteller, den ja seine Familiengeschichte und sein Werk mit vielen Ländern der Erde verbindet. Und ein weiterer deutscher Literaturnobelpreisträger war hier an der Ostsee zu Hause: Günter Grass, der vor wenigen Wochen in Lübeck verstarb.

Wenn wir in diesem Teil Deutschlands auf die Ostsee blicken, fällt mir ein, welche Empfindungen mich vor drei Jahrzehnten bewegten, wenn ich im Osten an der Ostseeküste stand. Unvergesslich wird mir ein Familienerlebnis aus DDR-Zeiten bleiben. Wir spazierten auf der Mole in Warnemünde zusammen mit zwei kleinen Söhnen. Ein großes, weißes Fährschiff fuhr hinaus auf die Ostsee Richtung Dänemark. "Da wollen wir auch mitfahren!", riefen die Jungs. Ich erinnere mich noch genau an meinen Schmerz und inneren Zorn, als ich erwiderte: "Da dürfen nur Menschen aus dem Westen mitfahren."

Es sind solche Begebenheiten, die das Gefühl des Eingesperrtseins der DDR-Bewohner erklären – Begebenheiten, die aber auch das Gefühl der Befreiung begreiflich machen, das ich mit so vielen Ostdeutschen teile, die Akteure der Friedlichen Revolution waren. Und es sind solche Erlebnisse, derentwegen ich letztlich im Beitritt der Staaten Ost- und Mitteleuropas eine Art zweite Gründung der Europäischen Union sehe, dieses Mal als Freiheitsprojekt.

Eingebettet in die Europäische Union und das Nato-Bündnis fühlten wir Deutsche uns mehr als zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges zumeist und im Wesentlichen gut behütet vor Krisen und Konflikten. Jetzt merken wir, wie bedrohlich nah Unfrieden und Instabilität sind. Die Ukrainekrise, die Eskalation verschiedener Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, das unmenschliche Treiben von Terrormilizen, die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer – das sind für uns Europäer nicht ferne Ereignisse, wir erleben deren Folgen ganz unmittelbar.

Es "knirscht im tektonischen Gebälk der Weltordnung". Diese Diagnose mancher Fachleute erscheint mir keineswegs übertrieben.

Inmitten einer unsicherer gewordenen Welt hat sich Deutschland mitnichten selbstgenügsam zurückgelehnt. Deutschland ist tätig geworden, politisch wie auch humanitär. Wir beteiligen uns auf vielfältige Weise an den internationalen Aufgaben unserer Tage. Und wir müssen uns gemeinsam mit unseren Partnern auf gefährliche Entwicklungen noch besser vorbereiten.

Aber wir brauchen das Rad auch nicht neu zu erfinden. Die Grundelemente unserer Außenpolitik und unserer Sicherheitsarchitektur haben sich bewährt. Wir wollen uns auch künftig für eine stabile internationale Ordnung einsetzen. In Zeiten der Unsicherheit sind verlässliche Institutionen und Regeln für ein derart global vernetztes Land wie Deutschland wichtiger denn je. Dabei steht außer Frage, dass Deutschlands internationales Engagement untrennbar verbunden ist mit der europäischen Integration. Der Zusammenhalt unserer Union bildet den Dreh- und Angelpunkt deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Nur als verlässlicher Partner kann und wird Deutschland seine Rolle in Zukunft finden.

Wir erleben in diesen Tagen auch, wie wichtig es ist, sich gemeinsam zu erinnern. In diesem Jahr erinnern wir uns besonders an die Befreiung vor 70 Jahren. Auch nach so langer Zeit ist es bewegend, von Zeitzeugen zu hören. Sie waren Kinder und Jugendliche, als sie miterlebten, wie sich die Tore der Konzentrationslager öffneten. Wir erinnern daran, wie Millionen Menschen heimatlos wurden oder wie Deutschland kapitulierte. Vor kurzem habe ich ein ehemaliges Lager für sowjetische Kriegsgefangene im westfälischen Schloß Holte-Stukenbrock besucht, einen dieser historischen Schreckensorte, die es mitten in Deutschland gab. Zehntausende starben dort. Einige Zehntausende von fast drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind dort zu Tode gebracht worden. Ich war dort in Begleitung zahlreicher Botschafter. Ihnen Exzellenzen nochmals herzlichen Dank für diese Begleitung.

Nun bin ich aber gespannt darauf, sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter, Ihnen zu begegnen, auf Ihre Meinungen zu hören und Ihre Sicht auf die Debatten unserer Tage wahrzunehmen. Was können wir gemeinsam tun, um die vielfältigen Herausforderungen zu meistern? Ich freue mich, mit Ihnen eine gemeinsame Tradition fortzusetzen, die bislang alle Teilnehmer noch enger mit Deutschland verbunden hat. Das wünsche ich mir auch für diesen Tag der Begegnung.

Ort
Veröffentlicht
24. Mai 2015, 19:05
Autor
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