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"Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus"

Tamar Dreifuss zu Besuch in der Gesamtschule Meiersheide

(ul) Einen Tag vor dem offiziellen weltweiten Gedenktag, dem Tag, an dem 1945 die Gefangenen im Konzentrationslager in Auschwitz von der Roten Armee befreit wurden, kam Tamar Dreifuss, eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, bereits zum zweiten Mal zu Besuch in die Gesamtschule Hennef Meiersheide. Während viele Schülerinnen und Schüler am 26. Januar diesen Jahres zu Gedenkstätten oder Museen unterwegs waren, um sich dort mit den Geschehnissen zur Zeit des Dritten Reiches auseinanderzusetzen und der Opfer zu gedenken, waren die Kinder der Klassen 5A und 5C in ihrem Schulgebäude geblieben und lauschten gebannt den Ausführungen der gebürtigen Litauerin. Ein Jahr war Tamar Dreifuss alt als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach und ihre unbeschwerte Kindheit in ihrer Heimatstadt Wilna bald ein jähes Ende finden sollte. Mit dem Auszug aus der großen Stadtwohnung begann für die Kleine und ihre Familie eine Odyssee ins Ungewisse: Zunächst fanden sie Ende 1940 eine Unterkunft in Ponar, nachdem sie aus ihrer Wohnung vertrieben wurden, doch als sie dort später Zeugen der grausamen Massenerschießungen der Deutschen wurden, scheint nur noch im neuen Ghetto in Wilna ein sicheres Überleben möglich zu sein. Alleine bei ihrer Tante versteckt, kommt die 5-jährige erst kurz vor der Auflösung des Ghettos durch die Deutschen im Herbst 1943 wieder zu ihrer Familie und erlebt dort wie die noch verbliebenen Menschen in Konzentrationslager nach Lettland und Estland deportiert werden. Darunter auch die kleine Tamar und ihre Mutter Jetta - getrennt vom Rest der Familie, mit all den anderen Menschen in Viehwaggons gepfercht, tagelang unterwegs. Tamars Mutter unternimmt während der Fahrt zwei Fluchtversuche, scheitert, wird dafür bestraft. Doch sie gibt nicht auf. "Du warst da und ich musste dich beschützen! Du hast mir den Mut dazu gegeben!", Sätze ihrer Mutter, die die 78-jährige auch heute noch sichtlich bewegen und die ihr als Kind das Leben retten sollten. Im Lager angekommen, nutzte Jetta Schapiro-Rosenzweig nach dem Duschen couragiert die Gelegenheit und suchte sich Kostüm, Hut, Schuhe, Lippenstift zusammen, zog Tamar ein Kleid an und ging erhobenen Hauptes mit ihrer Tochter an der Hand aus dem Konzentrationslager. Unsagbarer Mut und ein Quentchen Glück ließ sie passieren und endlich in "Freiheit" schaffte sie es, sich mit ihren Russisch-Kenntnissen bis zum Kriegsende bei Bauern durchzuschlagen.

"Die wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944" - Eine unglaubliche Geschichte, die Tamar Dreifuss in Form eines schön illustrierten Kinderbuches niedergeschrieben hat und seit ihrer Rückkehr aus Israel vor über 50 Jahren versucht sie, diese Erinnerungen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, damit die Geschehnisse von damals nicht in Vergessenheit geraten. Viele Bilder und ihr Buch hatten sie und ihr Mann Harry im Gepäck, um den Fünftklässlern die Vergangenheit zu veranschaulichen. Und viele gegenseitige Fragen gab es, die deutlich machten, wie weit weg und wie unvorstellbar für die heute 10- bis 12-jährigen die Gräueltaten von damals sind und wie friedlich, liberal und ungezwungen die heutige Jugend in einer beschaulichen Stadt wie Hennef aufwachsen kann.

Nach rund 90 spannenden, bewegenden Minuten sangen alle gemeinsam das weltweit bekannte israelische Volkslied "Hewenu shalom alejchem" - Frieden für alle. Ein schöner gemeinsamer Abschluss mit einem Wunsch aktueller denn je.

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Veröffentlicht
05. Februar 2016, 00:00