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Zerstörung, Erinnerung, Zukunft

150 Jahre Städtisches Gymnasium Schleiden (Teil 2)

Der im Jahr 1929 vollzogene Neubau des Schleidener Gymnasiums führte zu einem Anstieg der Schülerzahl. Durch das Prinzip der konfessionellen Unabhängigkeit besuchten neben zahlreichen katholischen und evangelischen Schülern bis zum Jahr 1935 auch 31 jüdische Schüler die Schule. Doch die Freude über das erweiterte Platzangebot und die konfessionelle Eintracht währte nicht lange. Der Aufstieg des nationalsozialistischen Regimes hatte für die jüdischen Familien fatale Folgen. Die schrecklichen Berichte und Bilder von Verfolgung, Flucht, Vertreibung, Deportation und Ermordung sind nicht nur den Überlebenden des damaligen Massakers dauerhaft in Erinnerung geblieben. In einem 1955 aus dem Exil verfassten Brief an ihre Jugendfreundin Hedwig Knott schreibt die aus Gemünd stammende Jüdin Helene Kaufmann: „Vergeben, aber nicht vergessen, das kann man nicht, auch wenn man 100 Jahre alt würde!" Ihre Söhne Erich, Richard und Oskar besuchten gemeinsam mit nichtjüdischen Kindern das Gymnasium in Schleiden, bis die Familie durch Vertreibung und Ermordung auseinander gerissen wurde.

Auch für die „Oberschule für Jungen", wie das heutige SGS damals hieß, wurden die Jahre 1944/1945 zur schicksalhaften Zeit. Die völlige Zerstörung des Gymnasiums bescherte der Schule ein trauriges Ende. Lediglich die Turnhalle, die nach dem Krieg als Festhalle und Kino diente, und der angrenzende Turm (der heute noch erhaltene Pont-l'Abbé-Turm) blieben vom den Angriffen auf Schleiden verschont.

Der Wiederaufbau Deutschlands war ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Gymnasiums, denn die Grundsteinlegung durch die damalige Kultusministerin Christine Teusch am 10. Juni 1949 leitete zugleich den ersten Schulneubau einer höheren Schule nach dem Krieg ein. So entstand bis zum 28. April 1950 auf der anderen Seite der Olef der Haupttrakt eines neuen Gebäudes, das bis 1957 um weitere Anbauten ergänzt wurde. Auch 1963/64 sowie 1974/76 wurden zusätzliche Ausbaumaßnahmen vorgenommen. Die Turnhalle, eines der beiden Relikte aus vergangener Zeit, fiel am 12.8.1982 einer Brandstiftung zum Opfer. Eine neue Dreifachsporthalle wurde errichtet, die gemeinsam mit den bestehenden und sanierten Gebäudeteilen den heutigen Schulkomplex des SGS bildet.

Das bewegende Schicksal der jüdischen Familien hat den Projektkurs Deutsch/Geschichte der Jahrgangsstufen 7/8 und die Oberstufenschüler der Jahrgangsstufe 11 dazu inspiriert, nach jüdischen Schülern und deren Verbleib zu forschen. So führten beispielsweise die Wege der Familie Kaufmann ins Exil nach Brasilien, aber auch in die Vernichtung nach Auschwitz. Zum Gedenken an die unter dem Nazi-Regime gelittenen Mitbürger findet im Rahmen des Schuljubiläums am 16. Juni 2016 in Gemünd eine Stolpersteinverlegung mit dem Künstler Gunter Demnig statt. Diese Steine sollen insbesondere an die geflüchteten Mitglieder der Familien Lazarus und Helene Kaufmann erinnern. Die Recherche über deren Schicksal, das schließlich zu Kontakten und Austausch bis nach Brasilien führte, ist eine Geschichte voller zufälliger Entdeckungen und Kontakte, die weit über den Geschichtsunterricht hinausreicht.

ML

Grundsteinlegung am 10.06.1949 durch Kultusministerin Christine Teusch (Quelle: Archiv Willi Wendels, jetzt Archiv SGS)

Der Schulkomplex heute

Einzig erhaltene Relikte aus der Vorkriegszeit: der Pont-l'Abbé-Turm...

... und die am Franziskushaus befindlichen Steinköpfe

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Veröffentlicht
03. Juni 2016, 00:00
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