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Zivilcourage geht alle an - 120 Gäste beim Symposium der Polizeidirektion Braunschweig

(ots) - Zivilcourage - ein abgenutztes Thema? Dieser

Einschätzung trat Polizeipräsident Harry Döring entschieden entgegen.

Nein, es gehe gerade bei diesem Thema um Nachhaltigkeit, so Döring.

Zivilcourage sei immer aktuell - nicht nur unmittelbar nach

bestürzenden Ereignissen. 120 Frauen und Männer aus Schulen,

Sportverbänden, Kommunen, Kirchen und religiösen Vereinigungen sowie

aus der Polizei folgten der Einladung zu einem Symposium der Polizei

am Mittwoch. Am Vormittag standen Impulsreferate zu verschiedenen

Aktionsräumen, am Nachmittag Workshops auf dem Programm. Ulrich

Dempwolf, Präsident der Landesschulbehörde Niedersachsen, propagierte

in seinem Referat zum Aktionsraum Schule und Beruf eine "Kultur der

Achtsamkeit". Schülerinnen und Schüler müssten lernen, Mitgefühl für

andere zu entwickeln. Auftrag der Schule sei es, soziales und

personales Wissen zu vermitteln. Ohne Empathie, ohne Achtsamkeit für

Werte, Situationen und andere Menschen sei Zivilcourage nicht

möglich. Achtsamkeit sei ein zentrales Erziehungsziel. Handfest und

praxisnah wurde es, als Silke Harenberg, Braunschweiger Sportlerin

des Jahres und mehrfache Weltcupsiegerin im Quadrathlon, ihre

Überzeugung formulierte, dass Zivilcourage trainierbar sei. Dazu

leisteten eher Sportvereine ihren Beitrag als Fitnesscenter. Nur im

Sportverein könnten junge Menschen lernen, über den Erfolg

Selbstbewusstsein zu erlangen und sich kameradschaftlich in Teams

einzugliedern. Voraussetzung dafür seien Übungsleiterinnen und

-leiter, die Vorbilder seien. Ohne Selbstbewusstsein, ohne das Kennen

von Grenzen, ohne Fairness keine Zivilcourage, so Silke Harenberg.

Polizeipräsident Döring erinnerte an die "Alternative Sport" - AS -,

einen Verein, der junge Menschen in Projekten oder individuell dabei

unterstütze, sich sinnvoll sportlich zu betätigen. Ziel sei es dabei

auch, Jugendliche in Sportvereine zu bringen. Dabei gebe AS

finanzielle Unterstützung. Und das, so Döring, unbürokratisch und

schnell . Georg Hohmann, Vorstand der Braunschweiger Verkehrs-AG

referierte über Sicherheit in Bus und Bahn. Er stellte besonders

heraus, wie die Verkehrs-AG ihr Personal auf den Umgang mit

Gewaltsituationen in den Fahrzeugen und an den Haltestellen

vorbereite. Dazu gebe es zahlreiche Schulungen, auch in

Zusammenarbeit mit der Polizei. Außerdem achte man schon bei der

Mitarbeiterauswahl auf soziale Kompetenzen. Die Fahrerlaubnis allein

sei heute nicht mehr ausreichend, um den Anforderungen als Fahrer

gerecht zu werden. In den letzten Jahren hätten Vandalismus und

Gewalt in den Fahrzeugen zugenommen. Deshalb sei zum Beispiel die

Sitzanordnung in den Fahrzeugen geändert worden, so dass es nicht

leicht sei, unbeobachtet Schäden anzurichten. Alle neueren Fahrzeuge

würden, ebenso wie viele Haltestellen, per Video überwacht. Die

Zusammenarbeit mit Schulen gestalte sich für die Verkehrs-AG

fruchtbar. Besonders erfolgreich sei die Umsetzung einer Idee, nach

der Eltern als Busbegleiter eingesetzt würden. Außerdem arbeite man

mit Sicherheitsdiensten zusammen, mit denen auch gemeinsam

kontrolliert und in Gefahrensituationen gemeinsam gehandelt werde.

Die Fahrgäste sollten sich sicher fühlen und im Notfall das

kompetente Personal ansprechen können. Auf die aktuelle

Amtseinführung der neuen niedersächsischen Sozialministerin Aygül

Özkan ging die Integrationsbeauftragte des Landes Niedersachsen Honey

Deihimi zu Beginn ihres Vortrags ein. Man sehe deutlich, Integration

sei in Niedersachsen kein Lippenbekenntnis. Aber Personalpolitik

allein führe noch nicht zur Integration von Menschen mit so genanntem

Migrationshintergrund. Deihimi bot keine Lösungen oder Rezepte an,

sondern warf zahlreiche Fragen auf. Blicke man auf den bestürzenden

Fall Dominik Brunner, stelle man fest, dass einer der Täter Deutscher

mit Migrationshintergrund, der andere Ausländer gewesen sei. Das

dürfe aber nicht zu Vorurteilen führen. Straftaten würden von

Menschen mit und ohne Migrationshintergrund begangen. Natürlich müsse

man auch Migranten an ihre Verantwortung für Zivilcourage erinnern.

Die Gesellschaft bewege sich auf einer Gratwanderung zwischen

kultureller Kompetenz und Vielfalt. Dabei stellten sich - bezogen auf

Integration - Fragen: Welche Vorurteile haben wir? Wen beziehen wir

mit ein? Wie entwickeln wir Strategien, denken wir dabei quer?

Vielfach hätten Migrantinnen und Migranten schlicht Hemmungen, sich

in die Gemeinschaft einzubringen. Dabei müssten wir ihnen helfen.

Susanne Graf, Justitiarin der Polizeidirektion, stellte die

rechtlichen Aspekte der Zivilcourage dar. Verpflichtet zur

Hilfeleistung sei jeder im Rahmen seiner realistischen Möglichkeiten.

Helfe jemand nicht, setze er sich der Strafverfolgung aus. Das

Strafrecht kenne dazu die Unterlassene Hilfeleistung und die so

genannte Garantenstellung, die sich aus der Übernahme von Pflichten

anderen gegenüber ergebe. Zum Festhalten von Tätern sei jedermann

berechtigt. Das Recht auf Notwehr biete Rechtfertigungsgründe, falls

zum Beispiel ein Festgehaltener eine Verletzung erleide. Das

Zivilrecht stelle Rechtsnormen zum Schadenersatz oder Schmerzensgeld

zur Verfügung. Außerdem gebe es das Opferschutzgesetz, das Opfern

von Straftaten Wiedergutmachung sichere. Graf empfahl, die

Schutzorganisation "Weißer Ring" in solchen Fällen um Rat zu bitten.

Ihr Resümee: Wer Zivilcourage zeigt und hilft, steht rechtlich auf

sicheren Beinen. In verschiedenen Workshops behandelten die

Teilnehmer das Themenfeld Zivilcourage und knüpften neue Verbindungen

untereinander. Einige vereinbarten sich zu neuen Projekten.

Polizeipräsident Döring wies zum Schluss des Symposiums darauf hin,

dass die Polizei nur den Anstoß zu neuen Vernetzungen geben könne.

Die verschiedenen Institutionen müssten sich zu gemeinsamen Projekten

zusammenschließen. Nachdrücklich empfahl er, den Polizeinotruf 110 zu

wählen, um Hilfe anzufordern oder Hinweise zu geben. Döring: "Haben

Sie keine Scheu, 110 zu wählen. Das einzige, was Ihnen passieren

kann, ist, dass Sie Hilfe bekommen."

Ort
Veröffentlicht
28. April 2010, 14:35
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