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Lesung im Kuba: Fünf gerade sein lassen...

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Lesung im Kuba: "Fünf gerade sein lassen..."

Jan Wiegand las im Kulturbahnhof Nettersheim mit Blick auf die Ausstellung "gemeinsam Unterschiedliches tun"

(ar) Umgeben von den eigenen Arbeiten und denen seiner Eltern, Martel und Gottfried Wiegand, gab Jan Wiegand im Rahmen einer Lesung am 1. Juli im Kulturbahnhof Nettersheim auch Kostproben der allen Wiegands eigenen Sprachkunst. Bevor er eine Auswahl eigener Texte vorlas, stellte er zunächst drei Gedichte der 2006 verstorbenen Martel Wiegand vor, deren Art zu schreiben und Kunst zu machen erkennbare Parallelen aufweist. Sie sammelte überall Material wie verschiedene Stoffe, Papiere und Fäden, verwandte es in Teilen und anders als ursprünglich gedacht für ihre Collagen, so wie sie auch Sprachschnipsel aufbewahrte, um sie später neu zusammen zu fügen. Dies beschreibend beginnt ein Gedicht gleich mit dem Satz "suche ich, so finde ich anderes, als das was ich suche". Martel Wiegand schrieb ihre Gedichte mit der Schreibmaschine auf Papierbögen, die sie dann mit kleinen ornamentartigen Zeichnungen versah. Gottfried Wiegand (1926-2005) arbeitete systematischer, fertigte Serien mit 12 oder 24 Bildern zu jeweils einem Thema, wie z.B. Spiel mit Tischen, mit Kerzen oder mit Kissen. Die Bilder zeigen, wie meist Männer in Anzügen mit großer Ernsthaftigkeit beim Wort genommene und damit absurde Tätigkeiten ausführen, z.B. als "Kerzenhalter" an der Wand hängen, "mit zwei Hüten neun Tätigkeiten ausüben" oder "zu zweit seit drei Tagen einen Elefanten von links und rechts besteigen". Die zugehörigen zuvor in Kladden gesammelten Bildunterschriften, von Jan Wiegand als entsprechende Abfolgen zusammengestellt und vorgetragen, zeigen, wie sich bei Gottfried Wiegand Absurdes und Skurriles in den Titeln wiederspiegelt. So vorbelastet von den Eltern blieb es nicht aus, dass auch Jan Wiegand Gefallen fand am Spiel mit der Sprache. Aus drei seiner mitgeführten Heftsammlungen las er neben klassischen Gedichten und einfachen wortspielartig zusammengesetzten Wortgegenüberstellungen auch längere Texte vor, wie das "Fachgespräch in der Zoohandlung", wo wir u.a. erfahren, das man es mit Schildkröten einfacher hat als mit Hunden, die "oft raus müssen, manchmal auch nachts". Aber dafür "wedeln sie nicht mit den Schwanz" wie zuweilen Goldfische es tun... Wie Gottfried Wiegand faszinieren auch Sohn Jan absurde Tätigkeiten ernst daher kommender Männer und ihre launigen bis traurigen Machtspiele. Im Gedicht "So tun als ob" heißt es dazu: "so tun als ob man was tut, wenn es gar nichts zu tun gibt" und "so tun, als sei alles bestens, wenn schon gar nichts mehr stimmt". Zum Schluß gab Jan Wiegand den Zuhörern noch eine Sammlung von Worten mit auf dem Weg, "die beruhigend sind, allein weil es sie gibt", darunter Wortzusammensetzungen wie Autobahnraststättenverordnung, Salmonellenmeldepflicht, Klärschlammwiederaufbereitung und als Krönung das Wort "Mehrfachverleihmung".

Ort
Veröffentlicht
27. Juli 2018, 06:47
Autor
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