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Reichsprogromgedenken Rede des Bürgermeisters am 09.11.2019 Liebe Alpenerinnen und Alpener, liebe Aktive unserer Alpener Kirchen, liebe Gäste. Ich darf Sie auch heute wieder an der Gedenktafel der jüdischen Synagoge hier an der Burgstraße begrüßen. Ich bin sehr dankbar über das heutige Leitthema, das das Team unserer Kirchen ausgewählt hat. "Die Macht der Worte!" Welche Macht Worte haben können und wie man Menschen mit Worten manipulieren kann, hat das dritte Reich mit dem Reichspropagandaminister Josef Göbbels gezeigt. Die Ergebnisse sind bekannt. Das Rezept war einfach: Mit einfachen Botschaften latent vorhandene Ängste gegen was auch immer zu schüren. Fakt ist, dass das menschliche Gehirn über die chemischen Prozesse, die dort stattfinden, von seiner Grundkonstruktion anfällig ist für Manipulationen, auch heute noch! Oder heute umso mehr! Gerade wenn es um Grundängste des Daseins geht, sind wir sehr anfällig dafür. Die Bundesrepublik Deutschland hat in seiner Gründung eine Reihe von Schutzplanken gegen Demagogie und Populismus eingezogen. Da sind zunächst natürlich unsere Grundrechte zu nennen: Zum Beispiel die Meinungsfreiheit, aber auch die Pressefreiheit, die gerade die Vielfalt der Medien und die Vielfalt der Möglichkeiten in der Informationsgewinnung garantiert. Und da ist der öffentlich rechtliche Rundfunk zu nennen, der über Jahrzehnte eine im Vergleich zu anderen Staaten neutrale Berichterstattung garantiert hat. Sie merken an meiner Einleitung, dass ich wahrscheinlich zu dem Schluss kommen werde, dass dies heute nicht mehr in dem Maße funktioniert, wie wir uns das alle wünschen. Die Tageszeitung als tägliche Informationsquelle über die wichtigsten Ereignisse der Gegenwart erreicht heute nur noch eine kleine Zielgruppe. Ich habe sehr viel Respekt vor Menschen, die in Ihrer Berufswahl auch heute noch den des Journalisten auswählen. Dabei ist die Verantwortung in diesem Beruf nicht zu unterschätzen. Denn Informationsgewinnung und -weitergabe erfolgt in immer höherem Maße durch die sozialen Medien. Und da redet jeder, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Der Wahrheitsgehalt einer Botschaft muss ja nicht bewiesen sein. Frisch behauptet ist halb bewiesen. Nie kann man eine so große Anzahl von Menschen mit so wenig Aufwand und so kurzer Zeit mit Informationen versorgen. Man sehe sich in diesem Zusammenhang nur die Ergebnisse der letzten amerikanischen Wahlkämpfe an. Bei Barack Obama hat dies mit einem positiven Ergebnis funktioniert. Aber bei Donald Trump... ich weiß nicht. Es stellt sich immer mehr die Frage, wie sich Menschen in Zukunft über wichtige gesellschaftspolitische Themen informieren können, ohne sich der Gefahr einseitiger Meinungsmache auszusetzen. Wenn nicht einmal Staatsoberhäupter demokratischer Staaten davor zurückschrecken, über soziale Medien ihre diskriminierenden Parolen zu veröffentlichen. Auch der selbsternannt mächtigste Mann der Welt nutzt einfache Botschaften, um seine Bürger von der Richtigkeit seiner aberwitzigen Entscheidungen zu überzeugen. Und er wurde damit amerikanischer Präsident. Wahrscheinlich gab es noch nie einen amerikanischen Wahlkampf, dem gelogen wurde, dass sich die Balken biegen. Folgende Sätze sagte er über mexikanische Einwanderer: "Wenn Mexiko seine Leute rüberschickt, dann schicken sie nicht ihre Besten. Sie schicken Leute, die viele Probleme haben. Sie bringen Drogen. Sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger. Und einige, nehme ich an, sind gute Menschen." Kurze Sätze, die sich jeweils auf die Ängste der Menschen beziehen. Donald Trump über Washingtons Politiker. "Sie sind dumm. Nicht böse, aber dumm. Sie haben keine Ahnung." Donald Trump über Waterboarding und den IS. "Folter funktioniert! Waterboarding ist Peanuts, verglichen mit dem, was sie mit uns machen. Da drüben machen sie kein Waterboarding, da hacken sie Menschen den Kopf ab." Donald Trump über den Kampf gegen den IS "Ich weiß mehr über den IS als die Generäle. Glaubt mir. Ich würde die Scheiße aus ihnen herausbomben. Ich würde diese Kerle einfach zusammenbomben." Donald Trump über seine Popularität. "Ich könnte mitten auf der 5th Avenue stehen und auf jemanden schießen, und ich würde trotzdem keine Wähler verlieren." Donald Trump über seine politische Konkurrentin Carly Fiorina. "Seht euch dieses Gesicht an! Würde jemand dieses Gesicht wählen? Könnt ihr euch das vorstellen, das soll das Gesicht unseres nächsten Präsidenten sein? Ich meine, sie ist eine Frau, und ich sollte nichts Schlimmes über sie sagen. Aber wirklich, Leute, kommt schon. Ist das euer Ernst?" Bedenkt man, dass auch in Amerika ca. 50% der Menschen Frauen sind: Wie konnte der Präsident werden? Donald Trump über sich selbst als möglicher Präsident "Der beste Präsident, den Gott je erschaffen hat." Ich kann dazu nur sagen: Hoffentlich stimmt der Spruch "Hochmut kommt vor dem Fall"! Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich könnte noch eine geraume Zeit weiter solche Zitate nennen, nicht nur vom US Präsidenten. Solche Menschen versuchen über das Vermitteln von vermeintlicher Stärke und Überlegenheit das Märchen zu vermitteln, nur durch diese Eigenschaften könnten die Probleme der Welt überwunden werden. Leider haben Sie derzeit damit Erfolg, zumindest noch. Das macht mir Angst. Wir könnten jetzt ja sagen: Gut das ist Amerika, wir leben aber in Deutschland. Und das mit Trump ist ein Unfall gewesen, der wird ohnehin nicht wieder gewählt! Ich bin mir da nicht sicher! Aber schauen wir nach Deutschland. Im Vorfeld der Landtagswahl in Thüringen hat das ZDF mehrere andere AfD Politiker Sprüche des Spitzenkandidaten Björn Höcke vorgelesen und gefragt, von wem diese stammen, von Höcke oder Adolf Hitler. Ich zitiere mal einen: "Die Sehnsucht der Deutschen nach einer geschichtlichen Figur, welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zerrissenheit überwindet und die Dinge in Ordnung bringt, ist tief in unserer Seele verankert" Alle waren bei dieser Fragestellung natürlich verunsichert, alle haben aber dieses Zitat Adolf Hitler zugeschrieben. Von wem es tatsächlich ist, können Sie sich denken, von Höcke. Vielleicht noch drei weitere Zitate von Björn Höcke: "Massenhafter Missbrauch von Frauen in Köln erinnert an rechtlose Zustände zum Kriegsende. Kölner Gewalt ist Auswirkung der unkontrollierten Zuwanderung nach Deutschland." "Unsere einst geachtete Armee ist von einem Instrument der Landesverteidigung zu einer durchgegenderten multikulturalisierten Eingreiftruppe im Dienste der USA verkommen." "Unser einst weltweit beneideter sozialer Friede ist durch den steigenden Missbrauch und die Aufgabe der national begrenzten Solidargemeinschaft sowie durch den Import fremder Völkerschaften und die zwangsläufigen Konflikte existenziell gefährdet." Ich weiß nicht wie es Ihnen ergeht. Mir wird bei solchen Sprüchen einfach schlecht. Einige werden aber denken: Naja, ist ja auch was Wahres dran. Ich sage klar und deutlich: Nein, da ist ganz und gar nichts Wahres dran. Aber: So gewinnt man Wahlen, wie geschehen in Thüringen. Und es gibt Politiker, auch von etablierten Parteien wie der CDU, die in Erwägung ziehen, mit solchen Parteien wie auch immer zu kooperieren. Deshalb können wir hier in Alpen nicht einfach sagen: Amerika oder Thüringen sind weit weg. Währet den Anfängen. Man sieht also, Worte haben Macht, können eine Menge Macht haben. Was bedeutet das allerdings für unsere Gemeinde? Vielleicht noch nicht viel. Ich fühle mich hier weiterhin wohl mit dem was wir hier in Alpen und unseren Ortsteilen bewirken. Ich bin stolz darauf und ich glaube zu Recht. Aber vor dem Hintergrund dessen, was ich über die "Macht der Worte" gesagt habe, darf man sich nie in Sicherheit fühlen. Wir werden sehr genau beobachten müssen, welche "rechten" Strömungen in Alpen sich vielleicht noch entwickeln. Ein Anlass dazu ist zum Greifen nah: Die Kommunalwahl. Worte haben Macht, wir aber haben die Freiheit, sie zu deuten, sie abzulehnen, sie zu entlarven. Hören Sie gut hin! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
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