Kreischen wie die Irren
27.01.11 : 16:06 : 303 mal gelesen : Verstoß melden
geschrieben von H. Arno D.
Wie bitte?
Es geht um die weitgehend dem Blick entschwundene Sportart Tennis.
Ich stelle mir illustriert vor, ein Torwart beginnt angesichts eines Elfmeterschützen infernalisch zu kreischen, brüllen, quieken. Den gibt’s nicht, werden Sie sagen. Und wenn es ihn gäbe, würde der Schiri ihn wegen unsportlichen Verhaltens zur Rechenschaft ziehen. Bei den gegnerischen Fans wäre er für alle Zeiten gebrandmarkt. Sie würden jede seiner Aktionen mit Urwaldgebrüll begleiten.
Außer Tennis, dem einstmaligen Sport der Gentlemen, kenne ich keine Sportart, die Derartiges zulässt (man stelle sich Schwimmer vor, die als Quietschentchen durchs Wasser pflügen ...).
Bei den Frauen vornehmlich scheint das heute (schlechter) Brauch. Verantwortlich ist die WTA, die Organisation der Spielerinnen (in der diese wenig zu sagen haben).
'Elle crie comme une folle' - sie kreischt wie eine Irre, las ich vor zwei Jahren im Journal der France Ouvert.
Es ging um eine junge Tennisspielerin namens Larcher de Brito, Foto. Sie ging nicht nur Gegenspielerinnen und Zuschauern, sondern auch den Journalisten auf die Nerven. Gott sei Dank konnten wir ihre Spiele meiden.
Ich erinnere mich mit Schrecken an den erstmaligen Auftritt der Monica Seles. Ebenfalls in Paris. Um 1988. Gegen Zina Garrison. Ausgerechnet in der 1. Reihe des damaligen Court Central, heute Philippe Chatrier genannt, saßen wir.
Es gab kein Entrinnen.
„A – iii“. Die Stöhnmöhn.
Jeder Schlag wurde von spitzem Doppelgeschrei begleitet. Leider, und hier liegt bis heute die Crux, monierte kein Schiedsrichter diese an Unterschichtverhalten erinnernde Gewohnheit.
Ist doch harmlos, werden Sie vielleicht sagen.
Im Gegenteil, meine ich. Eine bewusst eingesetzte Psychowaffe zur Störung des gegnerischen und Unterstützung des eigenen Rhythmus. Gegnerinnen können den Schlag nicht mehr hören. Nicht nur das Auge reagiert auf gegnerische Aktivitäten.
Im folgenden Jahr betrat ich den Center Court von Wimbledon und freute mich auf ein schönes Sporterlebnis. Weit gefehlt. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, schockte mich - das Gekreische der Seles, der Schülerin von Bolletieri, dem mutmaßlichen Inspirator des Gebrülls. Auf dem Absatz machte ich kehrt und zog es vor, zu den Außenplätzen zu pilgern, auf denen u. a. gerade Michael Stich (stil, nobel und gekonnt) agierte.
Nach gut einer Stunde hatte es sich ausgeblökt, und ich genoss auf dem Hauptplatz u. a. Pat Cash. Man muss dazu wissen, dass bereits damals Teile des Center Court überdacht waren, die Zuschauerplätze, so dass jedes Geräusch verstärkt nachhallte.
In der Folge ging das u. a. Natalie Tauziat, Martina Navratilova derart auf die Nerven, dass sie sich das Geschrei verbaten. In Wimbledon geriet das Gehabe 1992 um Eklat. Die Londoner Presse richtete ein „Grunzometer“ ein, auf dessen Skala Seles unangefochten den Spitzenplatz einnahm. Die erwähnten Beschwerden der Gegnerinnen führten zu Reaktionen von Zuschauern, Schiedsrichtern und – ließen das Spiel der Seles zerbröseln. Kein Rhythmus, keine Störmanöver an die Adresse der Gegnerin. Gegen Steffi Graf, der sie weder spielerisch noch vom Auftreten her je das Wasser reichen konnte, erlitt sie eine historische Klatsche – 2 : 6, 1 : 6. Vier Wochen zuvor noch hatte sie sich im Paris zum Sieg im dritten Satz gekreischt – 10 : 8.
Wimbledon gewann Seles nicht ein einziges Mal. Sie scheiterte in der Folge meist früh, da sie stets fürchten musste, übermäßiges Gekreische werde unterbunden oder vom Publikum belacht.
Leider setzte sich das schlechte Beispiel fort, wie man das meistens beobachten kann.
Aktuell schalten wir den Fernseher entweder stumm oder gleich ganz ab, wenn eine Asarenka die Kreischmöwe gibt. Scharapowa gilt als würdige Nachfolgerin der Seles und brilliert als bremsende S-Bahn. Serena Williams erschreckt mit einer Art Dschungelgebrüll, das umso stärker anschwillt, je negativer das Spiel läuft. Safina hilft derzeit auch eine Art finales Analgeräusch einer Dahinscheidenden nichts mehr, Schiavone brüllt sich aarr- rraaa durch die Matches usw. usw. Gewundert hat mich Zwonareva. Down Under blieb sie gegen Clijsters weitgehend fair und still. Ob man ihr in die Parade gefahren ist?
Sympathie gewinnen sie alle bei uns nicht.
Je eher sie ausscheiden, desto besser.
Natürlich traf oder trifft der wehrlose Zuschauer auch auf Herren – Connors, der Tennisarbeiter, war der erste Stöhner, wenn ich mich richtig erinnere. Tomas Muster klang wie ein Neunzigjähriger mit schwerer Verstopfung, der ansonsten sympathische Gustavo Kuerten erinnerte an einen Kuhstall: Muuuööh. Djokovic macht heutzutage in ho – rrrööö. David Ferrer brüllte sich erst gestern zum Sieg gegen einen angeschlagenen Nadal, Marke heiserer Dobermann.
Alles aber erträglich im Vergleich zu den Spielerinnen.
Vor einigen Jahren trainierte neben uns in der Halle Lohmar eine Juniorin. Ihr ständiges Gequieke nervte. Als ich begann, im Stile Kuertens zu grunzen – beschwerte sich prompt der Trainer. Das störe die Konzentration und den Rhythmus seines Schützlings.
Klar doch. Nur das zählt in der heutigen Generation der Ichverwirklicher.
Schließlich brach er das Training ab, und wir konnten in Ruhe weiter spielen.
Ich sag’s deutlich: Ein Federer, ein Nadal, eine Clijsters, Henin, Ivanovic, Wozniacki, Petkovic usw. sind mir nicht nur deswegen sympathisch, weil sie brillant Tennis zelebrieren, sondern auch, weil sie ohne überflüssiges und unsportliches Gehabe Aushängeschilder dieses schönen Sport darstellen.
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Messungen anlässlich Wimbledon 2011 ergaben bei Larcher de Brito und Scharapowa Höchstwerte von 109 (!) dbA